Kreidler Florett

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Die Kreidler Florett

Die beiden großen, kettenbewehrten Räder der Kreidler Florett fressen sich durch den morastigen Untergrund der Hafermaschsiedlung. Unerbittlich drücken die Continental-Rauhbärte das eiserne Muster in den jungfräulichen Modder. Selbst so leicht zu führende Kameraden wie meine Deutsch-Zweitakter-Hündin scheuen die Wasserarbeit, stets bedarf es einer scharfen Aufforderung am Gasgriff, bis die scheue Zippe ihr Profil ins Wasser setzt. Im Grunde eignet sich die Florett auch mehr für die Stöberarbeit in Wald und Bruch, doch können sich die wenigsten Tierfreunde einen ganzen Mopedzwinger leisten, um den zahlreichen Aufgaben im Revier gerecht zu werden. Früher war auch meine Kreidler ein unverbesserlicher Hetzer; wie oft blieb ein angebleichter Lurch am Straßenrand liegen, wie oft verluderte ein Schulranzen im Chausseegraben, wenn die Florett das Niederwild an der Orientierungsstufe hetzte. Doch unter den Händen eines erfahrenen Mopedführers wurde aus der ungestümen Deutsch-Zweitakterin mit den Jahren ein zuverlässiger Totverbeller. Welch herrliches Geläut, wenn das spuckende Aggregat am Krötentransit das gefällte Amphibium verbellt! Gerade in knick- und buschreichen Revieren der Vorort-Siedlungen bedarf es eines Gebrauchsmopeds, das auch auf Hausfrauen geführt werden kann. Häufig sah ich einen dieser Großsäuger vor dem Vege-Markt straucheln, wenn die kapitale Glatthass-Maschine plötzlich um die Ecke schoß. Beim Aufbiegen des Lockenwickler-gehörnten Haarwildes leistet die Kreidler stets saubere Arbeit. Eine Hausfrauenjagd im Winterschlußverkauf kann mit Kreidler-Maschinen zu einem Hochgenuß werden. Vor allem in den Flachland- und Mittelgebirgsrevieren Norddeutschlands haben sich die schnellen und wendigen Floretts bewährt. Sie folgen lauthals der Wundfährte, sind mannscharf gegen den Fußgänger und bestechen durch Formschönheit und ausgezeichnete Feldarbeit. Wer seine Kreidler in gutem Zustand hält und und sie nach jedem Reviertage mit Staucherfett und Nähmaschinenöl abliebelt, der wird in ihr über Jahre einen treuen Gefährten haben. Kenner warnen jedoch davor, sie als ein reines Begleitmoped zu führen, die meisten werden ihren Eigensinn nicht brechen. Die Kreidler ist und bleibt ein rauher Gebrauchs-Zweitaklter für Männer, die wie ich draußen im Revier ihren Dienst tun.

EineAusfahrtwirdgeboren
Wer geriete nicht in Verzückung, wenn das kalte Metall eines Kreidlertankes die Innenseiten der Schenkel liebkost und der berauschende Brodem des Zweitaktgemisches die Nüstern des geilen Piloten erobert. Während seine Tatzen die Lenkergriffe eng umfangen und der rechte Hinterlauf den Bodenkontakt sucht, hat die linke Sandalenpranke des Kreidleristen längst Halt gefunden auf dem Kickstarter des stählernen Ungetüms. Der Benzinhahn, stolzer Gockel am Unterlauf des Reservoirs, hat schon bereitwillig seinen Schlund geöffnet, um das mörderische Aggregat mit gierigem Zweitaktlikör zu versorgen. Nun spannt sich die linke Wade des Piloten und mit unbestechlicher Grausamkeit wird der Kickstarter zu Boden getreten. Doch der renitente Bursch hat noch nicht genug, bettelt nach fortgesetzter Züchtigung. Die soll er haben: Zwei, Drei, viermal noch wird nach ihm getreten, bis endlich die Kornwestheimer Wölfin heisern durch den jungen Morgen belfert. Nach wenigen tausend Schlägen hat das leichtmetallerne Herz des geräderten Weibchens die gespannte Ruhe einer Löwin kurz vor dem Angriff erlangt. Ihre Beute ist die Teerstraße, die sich nun in jungfräulicher Unberührtheit bis weit hinter den Horizont erstreckt. Die mächtigen Pallasvergaser verrichten kommentarlos und zuverlässig ihre Arbeit. Der Kraftfluß von der Kurbelwelle wird von einem treuen Zahnradpäarchen auf das Ziehkeilgetriebe übertragen. Und auf der Getriebeeingangswelle suhlt sich die Mehrscheibenkupplung im triefenden Ölbad. Alles ist bereit: In die Rollenkette des Sekundärtriebes schießt plötzlich eine Urgewalt, als der Pilot den ersten Gang einlegt. Die Löwin setzt zum Sprung an. Das Kriegsgeschrei der zweifarbigen Katze läßt die Tiere des Waldes erschaudern. Laut brüllend macht sich das mächtige Tier über die schweigende Teerstraße her. Und auf ihr reitet der glücklichste Mensch der Welt neuen Zielen entgegen, die noch nie von der Sandale des weißen Mannes betreten wurden.

Autor: Dietmar Wischmeyer

 


Die Kreidler Florett im Guggenheim Museum

 

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Literatur

Wolf-Rüdiger Marunde und Dietmar Wischmeyer:
Der Kleine Tierfreund - Ein Mann im Taumel von Wollust und Verbrechen, 1991


Wolf-Rüdiger Marunde und Dietmar Wischmeyer:
Der Kleine Tierfreund - Die Rückkehr, 1993
Dietmar Wischmeyer:
Das Große Buch vom Kleinen Tierfreund, 1998

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Links

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