Die ersten Platten der Phantoms Of Future aus Dortmund waren Anfang der 90er Jahre unglaublich innovativ - nicht nur für lokale Verhältnisse. Ihre Live-Konzerte waren vor allem Dank der Bühnen-Show des charismatischen Sängers Hannes immer ein besonderes Erlebnis. Obwohl die Band Mitte der 90er Jahre mit ihrem Sound (und ihrem Major-Platten-Vertrag) die besten Voraussetzungen hatte, richtig bekannt zu werden, ist ihnen der große Durchbruch nicht gelungen. Ihre letzten Platten hatten dann auch nicht mehr das Besondere aus der Anfangszeit. Die Phantoms Of Future haben sich nach ihrem letzten Konzert Weihnachten 2001 aufgelöst. Hier ist nochmal das Interview, das ich mit der Band nach der Veröffentlichung ihres Debüt-Albums geführt hatte:

 

INTERVIEW MIT DER DORTMUNDER BAND PHANTOMS OF FUTURE

An der Gesprächsrunde im Proberaum nahmen teil: Hannes alias "Sir Hannes Smith' (der Sänger), Paul alias "Paul E." (der Bassist), Dirk alias "Dr. Krid" (der Gitarrist), Olaf alias "O. Bolte" (der Schlagzeuger), Glinski (Cover-Art, Filmaufnahmen etc.) und ich (der Frager). Anwesend waren noch verschiedene andere Leute, wie zum Beispiel der "Verfolger" (Beleuchtung etc.), die sich aber nicht weiter zu Wort gemeldet haben. Nachdem wir uns ausreichend mit Getränken versorgt hatten, konnte es losgehen (Olaf kam wenig später direkt von der Arbeit).

 

 

?: Hannes, dass Du bei den IDIOTS gespielt hast, ist bekannt. Was haben die Anderen vorher gemacht ?

D: Musik mache ich schon seit 15 Jahren. In der Zeit habe ich einige Gruppen mitgemacht. Die Namen sind eigentlich völlig unerheblich. Es sind sehr viele Projekte dabei gewesen, die wir nur im Studio gemacht haben.

?: War das auch schon in Richtung PHANTOMS OF FUTURE ?

D: Nee, ich hab' völlig andere Sachen gemacht. Das reicht durch das ganze Register, was es so gibt. Ich hab jazzige Sachen gemacht, dann auch so'n bisschen Pop-Musik. Auch schon mit kommerziellem Hintergrund.

D: Eigentlich schon, aber es waren halt alles Versuche. Es ist einfach eine gute Voraussetzung für die Gruppe gewesen.

H: Der Olaf hat früher bei THE MEETING getrommelt Die haben wavige Sachen gespielt Paul, was hast Du früher gemacht ?

P: Punk mit THE NEAT. Deutschlands erste Punk-Band !

?: Das hat MALE aus Düsseldorf auch schon für sich in Anspruch genommen.

P: Die kamen aber später.

G: Wie, Deutschlands erste Punk-Band ward Ihr, boahr!

P: Ja, das kannst'e in der SOUNDS vom Feb.'77 nachlesen.

?: Wann habt Ihr angefangen ? '76 schon ?

P: Ja, im Herbst '76. Das hab ich so'n paar Jahre gemacht, dann noch 'n paar andere Bands. MODERN HEROES, BETAMAX mit diesem BOA-Typen, dann 'n paar Jahre gar nichts und jetzt seit zwei Jahren PHANTOMS...

(In diesem Moment löst sich bedauerlicherweise der Stecker des Aufnahmegerätes. Nach bemerkter Panne geht's weiter.)

P: Als PHILLIP BOA bei BETAMAX eingestiegen ist, bin ich aber ausgestiegen. Seitdem ging's abwärts mit ihm !

 

"WIR WOLLEN SCHON BEKANNTER ALS BOA WERDEN!"

 

?: Wollt Ihr, vom Bekanntheitsgrad her, sowas werden, wie PHILLIP BOA der Nordstadt ?

H: Wir haben schon vor bekannter zu werden, dass viele Leute unsere Musik hören.

G: Bekannter als B OA !

P: Aber nicht wie BOA!

?: Es gibt ja manche Bands, die sagen: "Wir wollen klein bleiben, independent usw.". Wie steht Ihr dazu ?

P: Wenn viele Leute das gut finden, haben wir da nichts dagegen. Aber wir arbeiten nicht daraufhin kommerzieller zu werden oder möglichst viele Platten zu verkaufen. Wir machen die Musik, die wir immer machen. Wir haben durch das Label und den Musikverlag FALKLAND die Möglichkeit an eine breitere Masse heranzukommen und wenn die das gut finden, dann haben wir nichts dagegen, wenn die die Platte auch kaufen.

H: Der Olaf ist Klempner, der Dirk studiert..

P: Ich verkaufe Eis und ab und zu fahr ich Taxi.

(Das Gespräch schweift etwas in Richtung Eisverkaufen im Westfalenpark und am Nordmarkt ab.)

H: Es ist doch klar, dass wir lieber von unserer Musik leben würden und unsere Sache durchziehen, als ein Leben lang Eiscreme zu verkaufen.

O: Ich wühl' echt gerne in der Kacke rum!

H: Die Gruppen, die erzählen: "Wir wollen nur immer fünf Platten verkaufen“ sind meistens zu schlecht, um überhaupt 'nen Major-Vertrag zu kriegen, deshalb machen die "independent".

O: Alle Anderen eigentlich!

H: Ich kenne mich jahrelang in der Szene aus, weil ich auch selber Platten verkaufe. Die Bands, die sagen: "Wir wollen independent bleiben" werden jedes Mal neidisch, wenn andere Gruppen höhere Verkaufszahlen erreichen, oder 'mal in größeren Läden spielen. Ich hab' bis jetzt nur immer mitgekriegt, dass absoluter Neid aufkommt und die Bands sich im Endeffekt selbst belügen. Wir stehen dazu. Wir haben nichts dagegen, wenn mehr Leute unsere Platten kaufen.

?: Und wie verkauft sich Eure Scheibe ?

H: Die Verkaufszahlen steigen.

P: Aber so wie's aussieht, muss ich im Sommer wieder Eis verkaufen.

?: Wann ist die zweite Platte zu erwarten? Vielleicht musst Du dann kein Eis mehr verkaufen ?!

D: Im September, Oktober so die Ecke.

 

"MIT BRATWÜRSTEN FINANZIEREN WIR UNSERE ZWEITE PLATTE!"

 

H: Wir machen in diesem Sommer 'n Bratwurststand im Westfalenpark am Mühlenteich.

?: Und damit finanziert Ihr dann Eure zweite Platte ???

H: Ja.

G: Bei der Eröffnung der Bundesgartenschau !

P: 'Ne Maxi kommt schon 'n bisschen früher 'raus...

H : ... im August so.

(Die Unterhaltung kommt wieder etwas vom Thema ab und wieder ist es Hannes, der zum eigentlichen Thema zurückkommt.)

H: Bei unserer Musik ist auch sehr wichtig, dass sehr viel Wert auf die Texte gelegt wird, dass die uns verkörpern.

?: Sach 'mal 'was zu dem Text von 'World On Wire'.

H: Der Text handelt davon, dass die Leute in so 'nem Klischee leben. Die Leben gar nicht mehr selber, sondern sind wie Roboter. Die sind in eine totale Monotonie verfallen, haben keine Freude mehr, nur starre Blicke. Der Text schildert das.

?: Eure Texte sind relativ negativ, oder ? Ist das Eure Sicht der Dinge ?

H: Da sind einige negative Sachen drin, aber es ist nicht zu verbissen.

P: Der Text bezieht sich ursprünglich auch noch auf das Buch 'Welt am Draht". Da gibt's auch 'ne FASSBINDER-Verfilmung von. Das ist auch so'n bisschen Hintergrund zu dem Text.

?: Worum geht's in dem Film ?

P: Es ist ein Science Fiction, der in mehreren Ebenen spielt. Die Unterebenen sind jeweils nur noch in Computerprogrammen vorhanden. Jemand pendelt zwischen diesen Ebenen hin und her.

?: Mir ist gerade aufgefallen, dass Ihr viel mit Eulen macht. Wie kommt Ihr dazu ?

H: Die Eule ist unser Symbol.

G: Die Eule war auch im Mittelalter ein Symbol.

?: Ist das bei Euch eine Image-Sache ?

H: Ne, ich kann mich damit verkörpern.

O: Wir verkörpern alle das, was wir mit unserer Musik ausdrücken. Das sind wir wirklich, das ist kein Spiel. Ich probiere nicht irgendwie etwas darzustellen. Ich bin so, wie ich bin und das zeige ich auch.

P: Auf jeden Fall tauchte die Eule dann irgendwann auf und scheinbar hat sie uns so fasziniert, dass wir daran festgehalten haben.

H: Die Eule ist ja auch ein Nachttier, ein ziemlich kluges Tier.

?: Ein Raubtier ?

G: Greifvogel ! Raubvogel ist ein veralteter Begriff.

P: Die Eule gibt's in allen möglichen Kulturen, in allen möglichen Zeitaltern, völlig unabhängig voneinander.

?: Ihr lasst Euch ja, finde ich, stilistisch sehr schlecht einordnen. Das wollt Ihr wahrscheinlich auch nicht oder habt Ihr Euch 'ne Schublade zurecht gelegt, in die Ihr gerne gesteckt werden möchtet ?

G: In die oberste wahrscheinlich!

 

"WIR MACHEN MUSIK, DIE AUS UNS KOMMT."

 

O: Ich möchte überhaupt nicht gerne in eine Schublade gesteckt werden, denn ich versuche möglichst viele Leute mit unserer Musik anzusprechen. Egal, ob einer jetzt Strubbelhaare hat oder lange oder 'ne Hakennase.

H: Du versuchst das doch nicht, Du machst doch deine Musik. Wenn das viele anspricht ist das o.k., wenn nicht...

O: Eben drum. Ich versuche eine ziemliche Bandbreite hinzulegen.

H: Aber das machst Du doch jetzt nicht mit Absicht, um auf Verkaufszahlen zu achten, sondern das ist ja das, was aus Dir 'raus kommt

O: Das, was ich spielen möchte, ja.

H: Das hatten wir ja schon vorher angesprochen, dass wir aus verschiedenen Richtungen stammen. Dadurch ist auch dieser merkwürdige Stil entstanden. Aber nie mit Absicht. Wir machen nie 'n Stück, dass wir vorher sagen: "Jetzt müssen wir aber mal 'n Stück machen, das sich wie Metal anhört, oder wie Jazz-Rock", sondern das kommt aus uns 'raus. Die Stücke entstehen aus Sessions heraus. Es kommt keiner mit nem Stück an, das fertig geschrieben ist.

G: Könnt Ihr keine Noten schreiben, oder was ?!

H: Es entsteht halt. Daher weiß man vorher auch nie, wie das Stück wird. Dass es so 'n Mix geworden ist, liegt daran, dass wir sehr verschieden sind. Es ist ja so, dass viele Gruppen jetzt extra so gemischte Musik machen, weil's auf einmal angesagt ist. Wie zum Beispiel FAITH NO MORE oder NOMEANSNO. Wir haben das schon vor fünf Jahren gemacht. Wir wurden schon sehr oft gefragt, wie wir es nennen wollen. Wir wissen es selber nicht. Ich find' das gut, dass wir keine Schublade haben. Es wäre schade, wenn das so wäre.

?: Ist 'ne Tournee geplant ?

D: Wir machen im Moment 'ne kleinere Tour. Das heißt, dass wir andauernd wochenends unterwegs sind. Größere Sachen sind auch in Planung, also so'n paar Wochen hintereinander. Aber das muss gut organisiert sein.

H: Da sind Sachen im Gespräch, wir sollen mit GODFLESH touren.

P:... und mit MARIANNE ROSENBER (Gelächter). Die spielt voll im ROSE CLUB, PC69... Im FZW soll die auch spielen. Im Juni etwa. Den Gig in Dortmund machen wir nicht mit, die anderen aber. Wir wollen nicht so oft in einer Ecke spielen. Nach der zweiten Platte machen wir auf jeden Fall nochmal 'ne Tour Wir wollen dieses Jahr noch 50 Auftritte machen. Zehn stehen schon fest Mit zwei Touren verhandeln wir gerade.

 

50 AUFTRITTE SOLLEN ES DIESES JAHR NOCH WERDEN

 

?: Nur in Deutschland ?

H: Österreich ist auf jeden Fall schon klar. Holland und Budapest sind auch dabei. In England ist auch was im Gespräch: London und Birmingham. Wir haben ziemlich viel vor in diesem Jahr. Im Mai gehen wir ins Studio und nehmen die zweite Platte auf. Es ist auch so, dass es mittlerweile für jeden von uns sehr viel Zeit in Anspruch nimmt. Wir sind jeden Tag mindestens zwei oder drei Stunden mit der Band beschäftigt. Und das steigert sich immer mehr. Wenn Du wirklich gute Musik machen willst, dann hast Du auch gar nicht die Möglichkeit nebenbei noch viel Anderes zu machen, sprich arbeiten.

P: Vier bis fünf Tage im Proberaum...

H: Dann bist Du auch darauf angewiesen ein paar Mark durch die Musik zu verdienen, sonst kannst Du gar nicht weitermachen, sonst bleibst Du auf einem Standpunkt stehen. Du kannst Dich nicht mehr weiterentwickeln, weil Dir die Zeit fehlt.

D: Der Stress mit den Plattenfirmen, mit Geschäftsgesprächen...

H: Und daher musst Du heutzutage mit größeren Vertrieben zusammenarbeiten, sonst kannst Du keine Platten verkaufen.

(Wir plaudern noch ein wenig über die Vertriebsprobleme und Studiokosten bei Produktionen in Eigenregie.)

H: Es ist für mich sehr wichtig, dass ich die Musik, die ich mache, auch am besten ausdrücken kann. Und da gehört ein gutes Studio einfach dazu.

P: Ohne dass wir mit Samplings oder mit Keyboards gearbeitet haben, allein, um den puren Sound 'rüberzukriegen.

(Das Gespräch dreht sich noch ein wenig über diverse Unerfreulichkeiten in der "verlogenen Indie-Szene', bevor Paul ein anderes Thema anschneidet.)

P: Bei unserer Band gehört so'n bestimmter Stamm von Leuten mittlerweile dazu. Die sind hier auch immer bei den Proben dabei. Das ist der Glinski, der macht immer das Cover. Und dann haben wir noch zwei Aufbauhelfer. Einer macht das Licht und der Andere macht die Stage-Technik. Es ist irgendwie zu so 'ner Familie gewachsen. Wir sind also nicht nur die vier Musiker, sondern es gehören mittlerweile sieben oder acht Leute dazu, die auch voll hinter der ganzen Sache stehen.

H: Die anderen Sachen, wie Cover oder Technik sind praktisch genauso wichtig.

P: Wenn Du versuchst das alles selbst zu kontrollieren, was da passiert, dass nicht plötzlich 'ne Werbung auftaucht, die Du noch nie vorher gesehen hast, dann erfordert das soviel Zeit, dass Du gar keine Zeit mehr hast, um Musik zu machen. Die Leute nehmen uns das schon sehr ab, diese Telefongeschichten, Booking, Werbung...

H: Ist aber trotzdem alles abgesprochen. Da läuft nichts über unsere Köpfe hinweg.

(An dieser Stelle endet offiziell das Interview, das Aufnahmegerät wird abgeschaltet, wir sehen uns nochmal die verschärfte Super 8-Aufnahme vom Gig im PIANO an und unterhalten uns noch ein bisschen über Pressearbeit und Video-Produktionen. Danach wird geprobt. Nochmal vielen Dank an die Anwesenden für's Interview!)

 

wolfram röhrig